Es ist nun 5 Monate her, dass ich meinen Konzernjob hinter mir gelassen habe und ich mich voll und ganz auf meine Selbstständigkeit konzentrieren kann. So nach und nach merke ich, wie es mir immer mehr gelingt, meinen alten 9-5 Mindset loszulassen und zu hinterfragen, was heute für mich wichtig ist.

Im Juni startete ich spontan ein kleines Projekt. Wenn du mir auf Instagram folgst, hast du sicher mitbekommen, dass ich habe meinen Plastikmüll-Konsum hinterfragt und reduziert habe. Ich mag so kleine Projekte, in denen ich mich selber herausfordere, Dinge etwas anders zu machen.

Es ist nicht das erste mal, dass ich mich mit meinem Plastik- und generell meinem (Müll)Konsum auseinandersetze. Wie für eigentlich fast alle großen Bereiche meines Lebens war auch hier u.a. mein Jahr in Indien sehr prägend, bzw. die Zeit danach.

Aus verschiedenen Gründen war für mich meine Zeit in Indien eine des Hyperkonsums. Ich hatte als Europäerin eine recht hohe Kaufkraft in Indien und wenig finanzielle Sorgen, aber auch sehr viel Stress zu verarbeiten und zudem ein weniger gefestigtes soziales Umfeld. Das führte dazu, dass ich durch Shopping meinen Stress (und meine Einsamkeit) betäubte. Immer mit der Ausrede, dass die vielen schönen, bunten Dinge aus Indien ja besonders seien und zu Hause nicht mehr zu bekommen sind.

Zurück in Hamburg angekommen, saß ich nun da zwischen all den Kartons in einem kleinen, vorübergehenden WG Zimmer und fragte mich, was ich mir zum Teufel dabei gedacht hatte. Bei einem Ausflug in einen Buchhandel fiel mir das Buch „The Life-Changing Magic of Tidying Up“ von Marie Kondo in die Hände und ich las das Buch noch an dem Abend zu 2/3 durch und begann sofort, mein Hab und Gut auszusortieren. Ich sortierte all meinen Besitz innerhalb eines Wochenendes und über den Verlauf eines Monats ging ich alles ein weiteres mal durch.

Am Ende spendete ich einen Großteil meiner Klamotten, Bücher und anderer Gegenstände, die ich angehäuft hatte, verkaufte ein paar teurere Dinge, hatte aber noch jede Menge sentimentale Erinnerungsstücke, von denen ich mich erst im Verlauf der nächsten 5 Jahre Schritt für Schritt trennen konnte. Regelmäßig aussortieren und prüfen, was wichtig ist, ist seither etwas, dass ich 2-4 mal pro Jahr bewusst mache.

Im Verlauf der letzten 5 Jahre sehe ich ein ständiges hin- und her zwischen zwei Phasen: in der einen sortiere ich aus und lasse los von Dingen (und Vorstellungen und Erwartungen) und in der anderen konsumiere und konstruiere ich all dies wieder neu. Die Phasen des Loslassen charakterisieren immer den Abschluss eines alten Lebensabschnitts und die Phasen des Konsumierens den Beginn des neuen Lebensabschnitts.

Die Dinge in meinem Leben, die mich umgeben, sind für mich immer ein wesentlicher Teil, um meine Gedanken und Ideen im Inneren auszudrücken. So ändert sich ständig, was ich trage, was ich einkaufe und was und wo ich konsumiere.

Ich erkenne zwei Herzen in meiner Brust: Das eine Herz in mir ist konservativ und auf Sicherheit ausgerichtet, es hat Pharmazie studiert und in der Pharmaindustrie Karriere gemacht. Das andere Herz ist mit 23 nach Guatemala gereist, um Schildkröten zu retten und hat sich bei Amnesty International engagiert. Es ist meine Abenteurerin und meine Idealistin.

Ich persönlich mag die Idealistin in mir viel mehr als die Konservative. Die Idealistin hat ein großes Herz für Menschen und Tiere, sie ist entspannt und hat Zeit zum Zuhören. Sie hilft Obdachlosen oder Kranken, sie spendet für einen guten Zweck (Blut, Knochenmark, Gegenstände) und geht demonstrieren für den Klimaschutz. Sie ist ein glücklicher und fröhlicher Mensch, obwohl oder weil sie wenig braucht und das wenige, was sie hat, gerne teilt.

Trotzdem hat die Konservative oft die Oberhand gehabt im letzten Jahrzehnt. Sie ist angepasst und relativ erfolgreich nach Außen. Sie weiß sich in Machtgefällen durchzusetzen und ist durch und durch zeitoptimiert und produktiv. Sie holt alles raus, was geht, um ein bisschen erfolgreicher zu sein, als andere um sie herum. Sie steckt im permanenten Wettbewerb mit ihrem Umfeld und genau das schlaucht sie aus und macht sie müde, traurig und leer.

Während meines Juni-Projektes der (Plastik)Müll-Reduktion hatte natürlich die Idealistin den Hut auf. Ich nahm mir also Zeit und recherchierte: wie funktioniert das Recycling-System wirklich (warum ist es eigentlich so schwer zu verstehen?!), welche Verpackungsmaterialien sind besser als andere und wie kann man ganz auf diese Verzichten. Und dann unternahm ich jede Menge Experimente: ich verglich meine Einkäufe bei Aldi und Edeka mit denen beim Markt, nutze zum ersten mal richtig die Plattformen „Too Good To Go“ und Motatos, um Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken und hinterfragte, ob und wie mein Fleischkonsum einzuschränken ist. Außerdem ging ich jeden Freitag zu den Fridays for Future Demos, was dafür sorgte, dass ich mich noch mehr mit dem Thema Klimaschutz auseinandersetze.

Ich merkte: Zeit ist dafür ein wesentlicher Faktor. Natürlich braucht es mehr Zeit, weniger Müll zu konsumieren und sich vor allem erst einmal kritisch damit auseinanderzusetzen. Das ist Zeit, die die meisten von uns neben ihrem 9-5 Job (bei vielen ist es eher ein 4-14 Uhr oder 16-23 Job), Familie und Hobbies nicht übrig haben.

Ich glaube, dass dies der Trick des Kapitalismus ist: wir tauschen unsere Zeit gegen Geld. Kapital ist demnach wichtiger als Geld und wird zu einem kostbaren Gut. Folglich tun wir in Folge alles, um bei allen anderen Tätigkeiten Zeit zu sparen. Dies passiert oft auf Kosten der Umwelt und unserer eigenen Gesundheit.

Wir kaufen Fertiggerichte, damit es schnell geht. Wir nehmen das Auto, weil es schneller geht. Dabei wird uns perverser weise suggeriert, wir tun all das aus „Bequemlichkeit“. Ok, es mag sein, dass wir Menschen auch ein Stück weit bequem sind. Ich meine, viel größer ist aber der Einfluss unserer Art zu Arbeiten. Wir tauschen sehr viel Zeit gegen Geld, was Zeit für uns so kostbar werden lässt.

Ich hatte im Juni die Möglichkeit, etwas mehr Zeit zu investieren, um meine Art zu konsumieren zu reflektieren und zu ändern. Ich fuhr mit dem Fahrrad in einen benachbarten Stadtteil, um eine Bio-Brottüte abzuholen. Statt 12 Euro zahlte ich 3,50 und hatte eine große Tüte Bio-Brot, von der noch heute Brot in meinem Gefrierschrank ist. Zudem hatte ich Bewegung. Win win für Gesundheit und Geldbeutel. Ich sortierte meinen Müll und nutze Karton- und Pappe für Projekte. Ich machte mir ein eigenes neues Notizbuch aus Schmierpapier und hatte großen Spaß beim Basteln und sparte mir die 10-20 Euro, die so ein schickes neues Notizbuch mit schicker Illustration sonst kostet.

Ich füllte die Lebensmittel aus meinem Vorratsschrank in Glasbehälter ab, die ich seit Jahren fleißig sammele. Ich musste keinen neuen Gläser kaufen, es kommen sehr schnell genug geeignete Gläser zusammen. Das sieht nicht nur besser aus auf Instagram, nein, dadurch habe ich mehr Übersicht, habe alte Lebensmittel aufgebraucht und kann nun einfach mit dem neuen leeren Gefäß unverpackt einkaufen gehen, wenn etwas aufgebraucht ist. Damit vermeide ich, dass neuer Müll in meine Wohnung kommt.

Ich habe dieses Jahr mein Geld gegen Zeit zurückgetauscht. Ich habe nun „mehr Zeit“ als vorher, aber auch deutlich weniger Geld.

Ich lernen dadurch neu, die Ressourcen in meinem Leben wertzuschätzen und damit sorgfältiger umzugehen. Es braucht mehr Zeit, fühlt sich aber verdammt gut an. Es ist qualitativ hochwertig verbrachte Zeit: mehr Bewegung zu Fuß oder mit dem Fahrrad, kreative Lösungen finden, Handarbeit und selber Kochen, Gärtnern.

Es ist das, was meinen CO2 Fußabdruck senkt. Es ist das Verhalten, was wir brauchen, um Klimaschutz auf persönlicher Ebene voranzutreiben.

Es ist das Umdenken, was wir meiner Meinung nach kollektiv machen müssen, um echten und gerechten Klimaschutz voranzutreiben. Wir müssen unsere Zeit und unsere natürlichen Ressourcen wieder mehr wertschätzen als Geld.

Wir müssen umdenken und hinterfragen, wie uns Kapitalismus und Neoliberalismus bis in unser Privatleben verfolgen, uns verändern und was sie aus uns und unserem Planeten machen.

Dafür unterstütze ich Fridays for Future jeden Freitag auf der Straße. Dafür ändere ich zunächst mein eigenes Verhalten zu Zeit und Geld.

In meiner Patreon-Community teile ich mit dir heute einige Links und Tipps, die mich in den letzten Wochen beim Umdenken unterstützt haben: klicke hier.

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