Als die Nachricht von Surendra in meinem Facebook Messenger auftaucht, denke ich: „Oh nein, ich möchte es gar nicht wissen.“

Surendra schrieb mir am Montag den 3. Mai, zunächst auf Facebook, dann auf WhatsApp.

Vor zwei Wochen noch hatte ich eine spannende kleine Diskussion in einem Instagram-Chat über die Covid-Situation in Indien und ich hatte mich bereits zu dem Thema eingelesen. Ich kann gut theoretisch über dieses Thema diskutieren, meine Meinung teilen und andere auffordern, sich damit auseinanderzusetzen.

Ich hatte auch zuvor bereits mit zwei weiteren Freunden aus Indien Kontakt gehabt und bisher hörte ich nur, dass die Situation in Indien schlimm sei, es ihnen aber gut ging. Diese Freunde gehören aber auch zu den Gutverdienern in Indien.

Hier war nun meine Gelegenheit, mich auch praktisch meinen Theorien über extreme Armut als größte Ursache für so viele ökonomenische, politische und auch ökologische Ungerechtigkeiten in der Welt auseinanderzusetzen – und ich schreckte zurück. Warum?

Ich dachte ein paar Minuten darüber nach, warum ich zögerte, Surendra auf seine Nachricht zu antworten. Ich denke, dafür sorgen Angst (das mir etwas genommen werden soll) und Scham (darüber, dass es mir besser geht und es eigentlich sehr ungerecht ist und nicht mein Verdienst).

Er schrieb mir, dass er nicht arbeiten kann und große Probleme hat und mit mir telefonieren möchte. Ich schob das Telefonat noch einen Tag hinaus, denn ich musste erst einmal meinen Mut sammeln, mich dieser Situation zu stellen.

Ich wandte mich an meine Freundin Anna, die damals mit mir in Indien gewohnt hatte. Ihre anfängliche Reaktion war wie meine. Ein zögern, ablehnen und dann ein darüber nachdenken. Sie unterstütze mich dann schließlich in meinem Vorhaben, mit Surendra zu telefonieren.

Etwa 36 Stunden nach dem ersten Kontakt nahm ich endlich meinen Mut zusammen und telefonierte mit Surendra per Video-Chat. Er zeigte mir stolz seine beiden Kinder, seine Frau wollte wie immer aufgeregt unbedingt auch mit mir sprechen und dann erzählte er mir von der Speiseröhrenkrebs-Diagnose seiner Mutter, dass die Behandlung geklappt hat, sie nun aber noch starke Schmerzen hat und noch keine feste Nahrung essen kann. Von der Behandlung seines 5 Monate alten Sohnes auf der Intensivstation nach der Geburt und davon, dass er seit über einem Jahr nicht arbeiten kann. Aufgrund des Lock Downs im letzten Jahr und der Covid-Situation in Indien.

Surendra lebt mit seinen Eltern, seiner Schwester, seiner Frau und zwei Kindern in einer kleinen Wohnung in Bangalore, Südindien. Er ist der einzige Verdiener des Haushalts. Er arbeitet als Fahrer in Indien und wurde in 2014 von meiner Firma beauftragt, mich sicher durch Bangalore zu befördern. Surendra ist 31 Jahre als, seine mutter erst 46.

Während und nach unserem Gespräch hatte ich keine Zweifel: diese Familie braucht Hilfe und ich war in der Lage, sie dabei zu unterstützen. Im Austausch mit Anna entschieden wir uns, zunächst selber einen Fundraiser zu organisieren, bevor wir uns an andere Hilfsorganisationen richten würden.

Wir hoffen, dass unsere beider Netzwerke stark genug sind, um die notwendigen 3500 Euro, die Kosten für die OP der Mutter, die Surendra an Freunde und Bekannte zurückzahlen muss, zusammenkommen.

In weiteren der Gesprächen mit Freunden und Familie im Nachgang kommen manchmal Zweifel auf: was passiert mit dem Geld? Stimmt die Geschichte? Man kann doch nicht allen helfen, warum anfangen? Was passiert als nächstes?

Daher schreibe ich diesen Artikel, um meine Sichtweise noch einmal für mich und diejenigen dazulegen, die es interessiert.

  1. In erster Linie ist Surendra ein Freund aus Indien, mit dem ich durch die täglichen Autofahrten viel Zeit verbracht habe. Ich habe auch seine Frau kennengelernt, wurde zum Essen eingeladen. Er ist ein Freund am anderen Ende der Welt, in Not. Ich möchte ihm helfen.
  2. Meine eigenen Ängste und meine Scham, sowie die Zweifel anderer zeigen mir die existierenden Vorurteilen aufgrund von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und, ich nenne es jetzt mal, Angst vor Armut. Sie bestätigen, was ich derzeit über die Themen lerne. Frage dich einmal, selbst: wenn Surendra weiß wäre und in den USA oder in Deutschland leben würde, wie würdest du darüber denken?
  3. Was würdest du tun, wenn du in Surendras Schuhen stecken würdest? Würdest du nicht auch alles probieren, um deine Familie zu retten? Ich würde hoffentlich den Mut haben, alles zu versuchen.
  4. Ich halte mich für gut informiert und habe einige Erfahrung zum Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gemacht, während meiner Zeit in den USA, in Indien und natürlich auch hier in Deutschland oder Europa. Und trotzdem fällt es mir schwer, ins Handeln zu kommen. Etwas aktiv zu verändern. Hier habe ich die Möglichkeit, meinen eigenen Prinzipien zu folgen, Surendras Familie aus der Menschlichkeit heraus zu begegne und einen Beitrag zu leisten, der für diese Familie alles bedeutet.

Wenn du Surendra unterstützen möchtest, gibt es drei Dinge die du tun kannst:

  1. Mache eine Spende, jeder kleine Betrag zählt!
  2. Teile diesen Spendenaufruf mit mind. 5 Bekannten, von denen du denkst, dass sie unterstützen können.
  3. Wenn du auf Social Media Beiträge zu dieser Spendenaktion siehts, dann gib uns bitte ein Like, schreibe einen Kommentar oder teile den Beitrag. Je mehr Engagement unsere Posts bekommen, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen wir.

Nützliche Informationen

  1. Das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ von Alice Hasters

2. Der NPR Podcast Code Swith generell und die Episode Show me the money

3. Dieser Guardian-Artikel über die Covid-19 Situation in Indien

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