Hallo du Liebe!

eigentlich hatte ich bereits letzte Woche einen Artikel zum Thema Minimalismus verfasst, um meine 3 Leitthemen weiter zu erklären. Jedoch fühlt sich das Thema für diese Woche nicht stimmig an. Wenn Feminismus mir wichtig ist, muss ich mir auch das Thema Rassismus anschauen. Ein kleiner Gedanke kommt dabei auf: bin ich jetzt Trittbrettfahrer einer Bewegung – so viele Menschen springen jetzt auf den sehr wichtigen „Black Lives Matter“-Zug auf. Versuche ich nur, mich wichtig zu machen?

Diese Frage habe ich für mich erst teilweise geklärt, wahrscheinlich ja und nein. Nichts destotrotz habe ich etwas zu dem Thema Rassismus zu sagen. Denn ich weiß: ich trage Rassismus in mir.

Vor 6 Jahren führte ich ein Team in Bangalore, Südindien und nach einigen sehr stressigen Monaten war ich erschöpft und einfach fertig mit meinen Nerven. Jede Woche eine neue „Katastrophe“ auf der Arbeit.  Damals hatte ich noch nicht die notwendigen Tools, um mit diesem Stress-Level umzugehen.

In einer Auseinandersetzung mit einer meiner indischen Kolleginnen passierte es. Ich fuhr sie an und sagte entnervt: „Denkst du nur so langsam oder verstehst du es einfach nicht?“
Kurz darauf fand ich mich im Büro der indischen Personalchefin wieder, zusammen mit meiner chinesischen Vorgesetzten, und eine Stunde lang wurde lauthals auf mich eingeredet, warum ich so etwas rassistisches gesagt hätte und warum es jetzt auch noch mir schlecht ginge, ich solle mich doch nur mal umschauen, als reiche Weiße hatte ich doch alles, hier gibt es genug Menschen, die nicht mal genug zu Essen für die Familie haben.

Mir wurde erzählt, irgendwo in der Firmenzentrale gäbe es nun eine offizielle Untersuchung gegen mich und mein rassistisches Verhalten. Ob es stimmte, weiß ich bis heute nicht, denn soweit ich mich erinnere, hat dazu niemand nochmal mit mir gesprochen. 

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich den Mut hatte, mich diesem Vorfall zu stellen. Ich stand zu der Zeit kurz vor einem Burnout und hatte irgendwie schon genug mit mir selbst zu tun. Dies mag keine Entschuldigung sein, aber es ist eine Erklärung für meinen kleinen Ausraster. Gleichzeitig bestätigte mir damals jeder Weiße, mit dem ich mich überhaupt traute, darüber zu sprechen, dass ich ja wohl kaum rassistisch sei. Ein konstruktiver Austausch war dies meist nicht. 

Erst letztes Jahr im Sommer hörte ich einen Podcast (ich glaube, dieser war´s), der mir half, etwas Wichtiges zu verstehen. Denn nein, ich halte mich nicht aktiv für rassistisch, doch bin ich aufgewachsen in einer Gesellschaft, die noch viel Rassismus in sich trägt und die sich nicht sehr aktiv oder nur sehr oberflächlich damit auseinander setzte was Rassismus eigentlich ist und wie man ihn erkennt. Und diesen Rassismus trage auch ich in mir.

Genauso wie ich mich für feministisch halte, merke ich oft meine eigenen feministischen Grenzen – so tief verankert und omnipräsent sind die Bilder, Glaubenssätze und Geschichten der patriarchalen Gesellschaft und so stark der Glaube an eine Art Fake-Emanzipation. Die Emanzipation zwar auf intellektueller Ebene, aber eben nicht auf emotionaler. 

Und genauso verhält es sich mit Rassismus. Denn während ich glaube, die Gleichheit aller Menschen intellektuell zu verstehen und mich gerne damit schmücke, tolerant und weltoffen zu sein und Freunde und Bekannte in aller Welt zu haben, so muss ich doch ehrlich zu mir sein und mir eingestehen: so 100% fühle ich das aber nicht immer. Ich muss mich fragen: wann und wie oft fühle ich mich als Weiße überlegen? Oder aber wann oder wie oft bewerte ich People of Color anders als Weiße? 

Diese Art der Auseinandersetzung ist es, die wir Weißen nun kollektiv machen müssen. Denn nicht die People of Color können diese Bewegung alleine vorantreiben. So wie wir Deutschen unsere Täterschaft im Nazideutschland anerkennen mussten, so müssen wir jetzt auch unsere Täterschaft in der Unterdrückung anderer im Hier und Jetzt eingestehen. Und uns dem stellen. 

Und wenn wir dies auf der Ebene des Rassismus schaffen, ist damit auch dem Feminismus enorm geholfen. Denn, ohne von dem Wichtigen Thema zu sehr abzulenken und es zu meinem Thema machen zu wollen, liegen dahinter die gleichen Mechanismen.

„Sowohl die Rassentheorien als auch die Weiblichkeitstheorien begründeten eine natürliche, besondere Begabung (Differenz) weißer, bürgerlicher Männer zur Führung und zur Erziehung unterlegener Gruppen und ganzer Gesellschaften. Philosophien der Aufklärung lieferten damit eine wissenschaftliche Begründung für die Natürlichkeit und Unhinterfragbarkeit eines weißen Zivilisierungsauftrags.“
Nachzulesen in dieser detaillierten Definition von Rassismus

Und ein Buchtipp der Woche habe ich auch noch, der hilft, mit unserem veralteten Weltbild aufzuräumen und dir ein paar nützliche Fakten an die Hand gibt, die Welt, wie sie heute ist und dich darin ein wenig besser zu verstehen:
Factfulness, von Hans Rosling 

Ich wünsche mir sehr, dass du dieses Thema für dich ernst nimmst. Es ist harte Arbeit, aber sie muss gemacht werden. Jetzt ist die Zeit dafür. 

PS: ich befinde mich auf meinem eigenen Weg durch dieses komplexe Thema noch sehr am Anfang und mag auch in diesem Artikel noch rassistische Dinge geäußert haben, ohne sie zu erkennen. Dafür entschuldige ich mich und freue mich über Feedback, damit ich weiter darüber lernen und es nächstes mal noch ein wenig besser machen kann. 

Weitere Blogartikel

Werde Teil der Community

Du bekommst 3 bis 4 Emails pro Monat mit exklusiven Extras und mehr Hintergrund zu meinen Angeboten und Artikeln.