Wann hast du das letzte mal nichts gemacht? Nicht einmal meditiert?

Richtig gehört, nicht einmal meditiert. Einfach mal nichts gemacht. Nichts versucht. Ich vermute, seit Corona gibt es nach der Beantwortung dieser Frage zwei Lager:

Diejenigen, die durch die Pandemie dank Kinderbetreuung oder Doppelbelastung keine freie Zeit mehr hatten (hallo liebe Eltern, ihr seid toll!) und denjenigen, die durch den Wegfall der meisten Beschäftigungsmöglichkeiten plötzlich sehr viel Zeit zur Verfügung stand.

Gruppe 2 hat sich vermutlich in dieser Zeit bereits mit Langeweile auseinandergesetzt, die erste eher nicht so. Ich gehöre zu Gruppe 2.

Vor der Pandemie war „Busy“ mein Dauerzustand. Neben Vollzeitjob und Coaching habe ich auch noch Yoga unterrichtet und in meiner freien Zeit war ich meist auf einem Date. Langeweile gab es bei mir damals nicht.

Eike feldmann

Und ich dachte wirklich, „busy“ ist der Zustand, den ich ständig anzustreben hatte. Langeweile war der Feind, unproduktive Zeit eine Verschwendung.

Der Einschnitt

Dann kam die Pandemie und auf einmal war ich alleine in meiner Wohnung. Ich hatte in den letzten Jahren bereits geübt, längere Zeit mit mir alleine zu sein und hatte davor keine Angst. Ich wusste auch, dass mir Zeit alleine gut tut, aber ich hatte weiterhin verinnerlicht, dass Langeweile zwar in Ausnahmefällen sehr gut tut, aber doch wirklich herausragende Leistung nur durch Produktivität erreicht wird. Und das bedeutet, wer viel will muss mehr machen. Das war mein Mantra in 2018 und 2019.

Langeweile und Emanzipation

Zu Beginn der Pandemie fiel mir ein Buch in die Hände: Cal Newports Digitaler Minimalismus. Dieses Buch änderte schlagartig meinen Blick auf das Thema, denn es zeigte auf, dass Zeit zum Denken das ist, was Menschen sich weiterentwickeln lässt. Er brachte dabei das feministische Argument, dass einer der Gründe, warum die Emanzipation der Frauen so lange dauert, der sei, dass Frauen vor allem in einem Benachteiligt waren/sind: Zeit für sich alleine. Dieses Argument beschrieb auch Virginia Woolf in ihrem Buch: Room of one´s own.

Ich begriff, was ich eigentlich schon wusste, was aber im totalen Gegensatz zu allem stand, was mir von unserem Zeitgeist der Produktivität vermittelt wurde: für wirklichen Fortschritt brauchen wir Zeit zum Nachdenken.

Die Herausforderung des Mindset-Shifts

Was mich eigentlich schockierte war jedoch, dass ich diese Erfahrungen selber so viele male schon gemacht hatte. Meine großen Änderungen und Mindset-Shifts kamen immer nach einer längeren Zeit des Nichts-Tuns, des Nachdenkens und des Ausbrechen aus dem Gewohnten.

  • 2008 saß ich Stunden am Strand von Guatemala, zog Nachts meine Runden über den Strand, nur beschäftigt mit Gedanken und dem Ausschaufelten nach Schildkröten. Anschließend ernährte ich mich vegan und engagierte mich bei Amnesty International.
  • 2016 fuhren mein damaliger Partner und ich 3 Wochen mit dem VW Bus an der Küste Europas entlang (#Traumreise). Mein Handy blieb ausgeschaltet, ich nahm auch keine neuen Bücher mit. Stattdessen nur meine alten Tagebücher und ich nahm mir Zeit zum Nachdenken, Muschelsammeln und Nichtstun. Anschließend kündigte ich meinen Job und wurde Coach.
  • 2015, 2016, 2018, 2019: Immer wieder suchte ich Zeit in Stille, mal im Kloster, mal im Meditations-Retreat. Die längste zeit waren 10 Tage in Stille. Immer wieder passierten kleinere oder größere Veränderungen als Resultat der Zeit mit mir alleine, beim Nachdenken.

Mein Blick auf Langeweile und die Wichtigkeit von Zeit mit sich alleine zum Nachdenken hatte sich dank dieses einen Kapitels über Virginia Woolf auf einen Schlag verändern. Ich erkannte, wie ich oft intuitiv total klug gehandelt und mir Langeweile verschafft hatte, und nun bekam ich endlich Argumente dafür an die Hand, dieses von nun an mehr zu tun.

Die Konsequenz

Ich startete sofort eine 30 Tage Challenge des Social Media und Internet Detox, fing stattdessen an, wieder Tageszeitung und Bücher zu lesen und kultivierte Langeweile und viel Zeit mit nichts tun und nachdenken. Und der 1. Lockdown während der Corona Pandemie war der perfekte Übungsraum.

Seither merke ich, wie tief die Überzeugung sitzt und wie allgegenwärtig die Versuchung, meine Zeit doch lieber mit mehr produktiven Dingen zu füllen. Vor allem mit meinem Entschluss, in die Selbstständigkeit zu gehen, zogen mich die Erzählungen zu Produktivität und Selbstoptimierung als Schlüssel magisch an. Und diese Erzählungen sind natürlich auch eng verwoben mit der Coaching-Szene.

Es sollte noch ein paar Monate dauern, aber in diesem Sommer erlebe ich gerade mein politisches Erwachen. Viele der Widersprüche, die ich seit Jahren sehe, wie eben der Widerspruch zwischen Langeweile und Produktivität, bekommen im Gesicht unseres politischen und wirtschaftlichen Klimas eine neue Relevanz und Bedeutung.

Die Widersprüche

Meine Podcast-Partnerin Laura und ich diskutieren schon seit längerem viel über den Bullshit, der oft durch die Coaching-Industrie noch verstärkt und verbreitet wird:

  • Wenn man sein Ziel noch nicht erreicht hat (den Traum-Partner, Traum-Job, Traum-Geld), hat man nur nicht genau dran geglaubt oder will es noch nicht genug (Manifestationstheorie)
  • Wenn man sein Ziel noch nicht erreicht hat (den Traum-Partner, Traum-Job, Traum-Geld)), war man noch nicht produktiv genug, hat nicht genug dafür gearbeitet, nicht genug optimiert (Produktivitätstheorie)
  • Wenn man noch nicht genug Kunden hat, ist die Zielgruppe noch zu groß, das Produkt zu unklar, die Instagram-Posts noch nicht hübsch genug (Marketingtheorie)

Diese Mehr-ist Mehr-Mentalität sowie die vielen Produktivitäts-Mantren fallen bei meiner Generation auf einen guten Nährboden, denn wir sind damit bereits aufgewachsen, dass uns erzählt wurde: „wer arm ist, will nicht arbeiten und ist faul“ (Gerhard Schröder, Agenda 2010, Einführung von Hartz4, um Anreize zum Arbeiten zu schaffen.

Eike Feldmann

Dies wurde praktischerweise während meiner Jugend durch jede Talkshow und jede RTL2-Serie belegt. Danke für dieses kostenlose Brainwashing zum Neoliberalismus.

Diese Theorien stehen dabei im krassen Gegensatz zu dem, was ich tatsächlich erlebe und wie ich die Welt um mich herum wahrnehme. Die Corona-Pandemie hat das Stellenweise für uns alle sichtbar gemacht (Stichwort Pflegeberufe), aber in meinen Augen noch nicht genug.

Versteht man jedoch diese Wirtschaftserzählungen als das, was sie sind, nämlich ein Politikum und keine Menschengegebenheit, wird einem plötzlich klar: es ist kein Wunder, dass so viele Menschen in unserer Gesellschaft an Burn-Out, Depression und Erkrankungen leiden, denn der uns als Erlösender Lebensstil verkauft wird, ist in Wahrheit das, was uns krank macht.

Wie denkst du darüber?

Ich wette mit dir, zu spürst, dass in dem was ich schriebe Wahrheit drin liegt. Dein Verstand will aber sofort dagegen argumentieren, denn es würde alles, was du gelernt hast, widerlegen.

Um einen Großteil unserer derzeitigen persönlichen sowie gesellschaftlichen Probleme zu verstehen, muss man in meinen Augen den Kapitalismus sowie die Neoliberalismus-Theorien verstehen und berücksichtigen, dass Lebensstil und Gesellschaft immer auch ein Politikum darstellen.

In den letzten 16+ Jahren unter Angela Merkel mit dem Kurs der Mitte konnte ein Großteil der Bevölkerung entspannt ihr eigenes Leben verwirklichen. Aber mehr und mehr wird deutlich, wie sich die Kluft zwischen arm und reich ausbreitet und der Wohlstand der „viel habenden“ auf immer mehr Kosten der „wenig habenden“ geht.

Mit diesem Wissen lesen sich die vielen Produktivitätsmantren und Botschaften der Coaches, Politiker und Lifestyle Junkies etwas anders, oder?

Hier meine Theorie:

Wenn Langeweile das ist, was wir brauchen, um in unserem Denken und Handeln weiterzukommen, ist Produktivität das, was uns genau davon abhält. Damit ist es genau das, was die Kapitalismus-Maschine in Gang hält und die „Viel haben“-„Wenig haben“ Verteilung weitestgehend beibehält. Und solange wir jedem das Gefühl geben, er könnte es auch erreichen (Chancengleichheit) ohne ihm zu Versprechen, dass er es auch bekommt (Zielgleichheit), kann man sich immer auf den Mainstream berufen der da sagt: wenn du es noch nicht erreicht hast, hast du einfach nicht genug gegeben.

Ist das eine neue oder alte Verschwörungstheorie? Das habe ich mich selber eine Weile gefragt und mich mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt. Ich komme für mich derzeit zu dem Schluss, dass dahinter keine geheime Organisation oder Vereinigung steht, sondern es eben die normale Weiterentwicklung der bestehenden Systeme sind, welche immer unberechenbar und chaotisch abläuft, weil wir Menschen nun mal eben so sind.

Aber natürlich gab es schon immer und gibt es auch heute Personen mit mehr und mit weniger Macht. Und diese Macht ist, wie auch der Wahlkampf in Deutschland im Jahr 2021 zeigt, meist proportional abhängig zu den finanziellen Mitteln, mit denen sich Einfluss gekauft werden kann.

Sich der Bedeutung von Macht und Geld im geschichtlichen Kontext nicht bewusst zu sein, wäre fatal und ignorant im Jahre 2021, in dem wir vor der vielleicht größten gesellschaftlichen Herausforderung stehen: der Zerstörung immer größerer Teile des bewohnbaren Planeten.

Während sich diejenigen mit richtig viel Geld (Branson und Bezos) ihren eigenen Wettlauf ins Weltall gestalten, sorgen sich zurecht vor allem (aber nicht nur) junge Menschen in Europa vor den Folgen der derzeitigen Klima-Ungerechten Politik, und immer mehr Menschen werden bereits heute aus ihrem zu Hause vertrieben und sterben auf Grund der Auswirkungen, den unser Jahrzehnte langes wegsehen davon, wie ein alle Ressourcen (inklusive Ressource Mensch) ausbeutendes Wirtschaftssystem immer mehr Geld an immer weniger Menschen umverteilt.

Zurück zur Langeweile

Langeweile ist daher für mich fast schon eine Art revolutionäre Praxis. Was für Frauen im Jahr 1900 galt, dass ihr Fortschritt daran gehindert wurde, dass die meisten von Ihnen einfach unbezahlte Hausarbeit erledigen mussten und kein Recht auf ein eigenen Besitz also auch kein eigenes Zimmer und Zeit für sich hatten (im Gegensatz zu einigen aber nicht allen Männern), gilt auch heute für uns Überproduktive.

Aber dadurch, dass uns der Neoliberalissmus seit den 50er Jahren als Heilmittel und Motor des Wirtschaftswachstums verkauft wird, machen wir alle freiwillig selber mit, in der Hoffnung, dass wir endlich irgendwann auch genug gemacht haben, um auch ein Stück vom Traumleben abzubekommen.

Erreichen wir dann sogar diesen Traum, merken viele schnell, dass es so traumhaft gar nicht ist, denn je mehr Geld ich verdiene, desto mehr bin ich in das sich selbst erhaltene System verstrickt.

Langeweile muss man sich auch heute noch erkämpfen und ist etwas, dass uns weiterbringt. Es ist etwas, dass wir vor Millionen von Jahren bereits gemacht haben: einfach mal in die Gegend gestarrt, den Horizont abgesucht, abgewartet. Es ist das, was die alten Griechen befähigte, Theorien über die Physik und das Weltall aufzustellen, welche von Wissenschaftler erst fast Zweitausend Jahre später messen und bestätigen konnten. Langeweile macht uns nicht dümmer, qualitativ hochwertige Langeweile macht uns schlauer, besonnener und gesünder.

Qualitativ hochwertige Langeweile

Was gehört jun dazu, zu qualitativ hochwertiger Langeweile? Ich will gar nicht zu viel vorwegnehmen, denn ich möchte dies einladen, selbst für dich herauszufinden.

Eine Eigenschaft ist wichtig: möglichst kein Input fürs Gehirn.

Ich lerne und experimentiere für mich immer noch herum, was wirklich zu qualitativ hochwertiger Langeweile gehört. Folgende Dinge habe ich gefunden:

  • sitzen auf dem Balkon und in die Wolken gucken
  • An meinem Küchenfenster sitzen und auf den Baum gucken
  • Auf meiner Couch liegen und an die Decke starren

Daneben proklamiert Cal Newport in seinem Buch Digitaler Minimalismus das Quality Leisure, also Qualitativ hochwertige Freizeitaktivitäten. Die würde ich von Langeweile abgrenzen, finde sie aber ebenso wichtig. Dazu zählen für mich:

  • Kochen und Backen
  • Gärtnern
  • Kreative Arbeit mit den Händen (Basteln, Bauen, Reparieren)
  • Spaziergänge und Ausflüge
  • Lesen von Büchern

Für das Kultivieren von Langeweile hilft es, das Leben zu vereinfachen. Vereinfachung ist dabei nach meiner Erfahrung schwerer zu erreichen, als komplexe Situationen. Ein einfaches Leben, oder eben Simple Life, beinhaltet viel Langeweile. Ich denke, wie dieser Artikel zeigt, das ist etwas sehr wichtiges und daher erstrebenswertes.

Auf Patreon teile ich diese Woche mit dir ein paar Tools, wie man zwischen Langeweile, Entspannung und Produktivität eine gute Balance findet und seinen eigenen Weg gehen kann. Werde Teil meiner Community und lass uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir alle mehr Zeit mit Langeweile füllen können. Hier gehts lang.

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