Ein Thema ist für mich in den letzten Wochen an vielen Stellen wieder aufgetaucht: Rassismus. Es ist ein Thema, mit dem ich mich seit 2015 intensiv beschäftige, da ich in und nach meiner Zeit in Indien viele Fragen hatte und meine eigene Blindheit darüber erkannte.

Seither ist es ein langer und langsamer Prozess, in dem ich Stück für Stück immer mehr meine eigenen Denkmuster erfahre, während ich mehr und mehr darüber lerne, wie BIPoC – Black, Indigenous and People of Colour – die Welt erleben.

Ein kleiner Gedankensprung: in letzter Zeit bin ich zunehmend genervt von der riesigen Welle an Coaches und ihren motivierenden Zitaten in meinem Social Media Feed – und ich erkenne die Ironie, dass ich eine von Ihnen bin. Im Yoga sah es ähnlich aus und auch dort habe ich mitgemischt. Jetzt frage ich mich: welche positive Bedeutung kann dieser Trend haben?

Hier drei Thesen:

  1. Yoga, Meditation und Coaching boomen in den letzten Jahren, da wir mit ihnen elementare Fähigkeit üben, die wir für unsere existentielle Weiterentwicklung benötigen: sie schulen unsere wertungsfreie Wahrnehmung, unser spüren im Körper und das bessere Fragen stellen
  2. Diese Fähigkeiten benötigen wir, um uns gesellschaftlich weiterzuentwickeln und um Diskriminierung, Rassismus, Ungleichheit und destruktive Machtverhältnisse hinter uns zu lassen.
  3. Wenn wir das kollektiv schaffen, können wir den derzeit größten Bedrohungen der Zivilisation begegnen und diese vorbeugen oder überwinden:
    • Extremer Armut
    • eine oder mehrere globalen Pandemien
    • einem dritten Weltkrieg
    • einer Weltwirtschaftskrise
    • dem Klimawandel

Diese 5 größten Bedrohungen der Zivilisation habe ich mir nicht ausgedacht. Ich habe sie übernommen von Hans Rosling, der in seinem Buch Factfulness wichtige Hilfestellungen gibt, wie wir mit unserem Bias sowie den vielen uns zur Verfügung stehenden Informationen besser umgehen können.

Diese Einschätzung von Hans Rosling erscheint mir plausibel. Extreme Armut nannte er dabei an letzter Stelle. Ich nenne es an Erster. Diese existiert bereits bzw. noch.

Indien

Letzte Woche habe ich mit einem Freund aus Indien kommuniziert. Er schrieb mir einen Hilferuf. Es geht ihm und seiner Familie nicht gut. Er hat seit über einem Jahr keine Arbeit. Seine Mutter hat Krebs. Er ist Alleinverdiener für eine Familie von 7. Ich habe darüber hier geschrieben.

Dieser Freund aus Indien hat kein einfaches Leben. Er und seine Frau sind mit 18 bzw. 22 Jahren gemeinsam aus ihren Heimatdörfern nach Bengaluru (Bangalore) geflohen, da sie aus unterschiedlichen Kasten kommen und ihre Liebesbeziehung nicht geduldet wurde. Sie haben eine kleine Tochter. Mein Freund war einer meiner Fahrer aus Indien, die meine Firma für mich anstellte, um mich in Indien sicher durch den Straßenverkehr zu bringen. Sie lebten damals in einer sehr kleinen Wohnung, 1 Zimmer und eine daran angrenzende „Küche mit Bad“. Während der Monsun-Zeit regnet es so viel, dass in ihrer Wohnung das Wasser steht.

Jemand fragte mich kürzlich, wie es mir mit den Bildern über die Covid-Situation in Indien geht. Ich hatte zunächst keine Antwort und fing an, darüber nachzudenken. Es ging mir so, wie es mir meistens geht, wenn Indien zum Thema wird: ich fühle wenig. Ich stumpfe etwas ab. Ich schrecke etwas zurück. Mein Schutzmechanismus geht an. Bis ich anfing zu googeln und mich damit zu beschäftigen. Und dann fühlte ich mich erschöpft.

Zufällig stieß ich über ein paar Umwege auf ein Interview von Trevor Noah mit Tarana Burke und Brené Brown.Dieses (Interview ist wertvoll auf vielen Ebenen, schau es dir an. Google bei dieser Gelegenheit auch einmal nach Tarana Burke und mache dich mit ihrer Arbeit vertraut.)

In diesem Interview hat Brene Brown eine sehr kraftvolle Frage geteilt.

„Was musst du über die Welt glauben, damit dass, was du erlebst, ok ist?“

Brene Brown

Diese Frage wird in dem Interview in dem Zusammenhang mit Rassismus und White Supremacy gestellt. Ich habe sie sofort auf mein Erleben mit Indien beziehen können.

2014 bis 2015 habe ich ein Jahr in Bengaluru, Indien gelebt. Ich wurde mit so vielen gesellschaftlichen Tabuthemen konfrontiert, die man in Deutschland meist einfach ausblenden kann.

  • extreme Armut versus extremen Reichtum
  • White Supremacy
  • der Kolonialgeschichte
  • dem Kastensystem in Indien
  • Diskriminierung von Muslimen
  • Frauen, die von ihren Familien wegen Geld verbrannt werden (dem sogenannten Mitgiftmord)
  • Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile in meiner Heimat
  • Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile in Indien

Was muss ich über mich und die Welt glauben, damit all das in meinem Alltag erträglich ist?

Diese Frage beschäftigt mich seither und ich finde so langsam meine Antworten darauf. Ich möchte dir aber jetzt nicht die Arbeit abnehmen, dir deine Antworten auf die Frage zu überlegen.

Was musst du über dich und die Welt glauben, damit all die Ungerechtigkeit der Welt erträglich ist?

Wenn wir das erkennen, haben wir den ersten Schritt zu einer wichtigen Verhaltensänderung in Bezug auf Diskriminierung, Ungleichheit und destruktive Machtverhältnisse gemacht. Und dabei hilft mir alles, was ich durch Yoga, Meditation und Coaching gelernt habe.

Im Coaching geht es doch im Kern darum:

  1. Abstand gewinnen und die Situation von Außen wahrnehmen, um unsere unsichtbaren Muster und Gedanken zu erkennen und neue Perspektiven zu gewinnen
  2. Die Situation annehmen (bzw. loslassen. Es meint dasselbe, für mich macht annehmen mehr Sinn.)
  3. Neue Denk- und Verhaltensweisen üben, die uns näher bringen an das, was wir wollen.

Wenn wir unser Verhalten wirklich nachhaltig verändern wollen, müssen wir uns als erstes trauen, uns anzuschauen, was unser Verhalten heute noch stärker prägt, als alle Glaubenssätze, die z.B. unsere Eltern uns vermitteln: unsere Denkweise der weißen Überlegenheit. Und wie tief es verwurzelt sie mit unserer heutigen Politik und unserem Wirtschaftssystem.

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